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Bezahlen mit Steinen – ein ganz schöner Brocken!

Steinkreise statt Euro und Dollar: die Insel Yap bietet eine besondere Währung. Eine Münze oder ein Geldschein im Gegenwert einer Kuh lässt sich leichter transportieren als das Tier selbst.


Eine Münze oder ein Geldschein im Gegenwert einer Kuh lässt sich leichter transportieren als das Tier selbst. Diese einfache Weisheit ist Grundlage der Jahrtausende alten Erfolgsgeschichte des Geldes. Aber nicht überall setzt man auf kleine, praktische „Stellvertreter“ wie Banknoten, um Werte zu symbolisieren und auszutauschen: auf der kleinen Insel Yap im Pazifik ging man den genau umgekehrten Weg.

Als Teil des Inselstaats Mikronesien ungefähr auf halber Strecke zwischen Australien und Hawaii gelegen, ist ein Besuch des tropischen Paradieses nur mit großem logistischem und finanziellem Aufwand möglich. Die ehemalige deutsche Kolonie wird daher nur von wenigen Reisenden besucht, aber diese kleine Gruppe kommt nicht umhin, die unterschiedlich großen Steinplatten zu bemerken, die überall auf der Insel verteilt stehen.

Es handelt sich dabei um „Rai“, eine Steinwährung, die ganz speziellen Regeln folgt. Anders als die Zahlungsmittel (fast) überall sonst auf der Welt sind die runden Felsbrocken mit dem Loch in der Mitte nur sehr aufwendig zu transportieren: die größten Exemplare können mehrere Meter Durchmesser besitzen und sind mit bis zu 5 Tonnen Gewicht nicht gerade für die persönliche Geldbörse geeignet.


Existenz ist genug

Der Unterschied zu Euro, Dollar und Co. liegt darin, dass der Eigentümer eines solchen Stein-Donuts keinen tatsächlichen Zugriff auf den jeweiligen Rai haben muss, um als sein Besitzer zu gelten. Die jeweiligen Dorfältesten merken sich einfach, wem der Stein gerade gehört. So kann sich der Felsring etwa auf dem Grundstück des Nachbarn befinden, auf einer ganz anderen Insel stehen oder sogar verloren gegangen sein – so lange die Ältesten der Meinung sind, der Stein existiert noch, kann er auch einen Besitzer haben. 

Mindestens eine der Steinmünzen ging in der Vergangenheit beim Transport per Kanu von Insel zu Insel über Bord und sank zum Meeresgrund. Da diese Position zwar hinsichtlich der Erreichbarkeit äußerst unvorteilhaft ist, aber der Existenz des Steines keinen Abbruch tut, ist auch dieser Rai weiterhin Teil des Zahlungsverkehrs der Insel. Daneben ist auch ein Überwuchern im Dschungel der Insel kein untypisches Schicksal, denn trotz des hohen Wertes der Steine und der entsprechenden Pflege durch die Besitzer kann man, angesichts der ca. 13.000 Rais, schon einmal den Überblick verlieren. Auch in diesem Fall steht dem weiteren Einsatz jedoch nichts im Weg. Möglicherweise wird er auch nach einigen Jahren wiedergefunden.

Dabei bilden die Felsmünzen heute nur noch eine symbolische Währung, die etwa beim Transfer von Nutzungsrechten für Land (auf Yap kann niemand Land „besitzen“; nur die Nutzung kann überlassen werden. Eine Philosophie, die sich auch im nicht notwendigen Zugriff auf die Rai-Steine äußert), bei Erbschaften, Eheschließungen und ähnlichen Transaktionen eingesetzt wird. Die Verwendung als alltägliches Zahlungsmittel sank in den letzten 100 Jahren stetig und wurde durch wesentlich praktischere Banknoten ersetzt. Es ist jedoch bis heute – zumindest theoretisch – möglich, auch den Wocheneinkauf mit einem Steinkreis zu bezahlen.


Größe ist nicht alles

Der genaue Wert eines Rai ist für Uneingeweihte unmöglich zu erkennen, denn die Dimensionen reichen vom Format einer Handfläche bis hin zu den bereits erwähnten 5-Tonnen-Ungetümen. Dabei ist die Größe jedoch nur eines von vielen Attributen, dass die Zahlungskraft beeinflusst. Der mit den Maßen des Steins verbundene Transportaufwand ist wesentlich wichtiger, aber auch andere Faktoren kommen zum Tragen:

  • Wie schön ist der Stein? Entspricht er den ästhetischen Vorstellungen der Inselbewohner hinsichtlich Form und Beschaffenheit, steigt der Wert. Da die Steine, abgesehen vom Loch in der Mitte, dass zu Transportzwecken gehauen wird, kaum bearbeitet werden, sind die Unterschiede erheblich. 
  • Wie schwierig war es, den Stein auf die Insel zu holen? Da das Material auf Yap selbst nicht vorkommt, wurden die Felsringe vom 400 Kilometer entfernten Palau – heute ein eigener Staat – per Kanu auf die Insel geschafft. Je schwerer der Rai, desto größer der Aufwand, desto höher der Wert. Für die Reise der größten Rais wurden diese zuerst ins Meer gerollt und anschließen ein Kanu um den Felsbrocken herum gebaut.
  • Wie viele Personen kamen beim Transport des Steins zu Schaden? Hierbei wirkt sich sowohl eine besonders hohe als auch eine besonders niedrige Anzahl an Verletzten, in Gefahr Gekommenen oder gar verstorbenen Personen positiv auf den Wert aus.
  • Wie alt ist der Stein? Und damit eng verbunden: an welchen historischen Geschäften war er beteiligt? Wurde der Rai von hoch angesehenen Persönlichkeiten in zahlreichen wichtigen Geschäften verwendet, steigt der Wert drastisch an.

Der Rai – eine steinharte Währung

Durch die Möglichkeiten der motorisierten Schifffahrt und des maschinellen Transports sank der Wert eines Rais zu Beginn des 20ten Jahrhunderts erheblich. Angesichts dieser Inflation entschied man sich daher 1930, die Produktion neuer Felsmünzen einzustellen.

Auch, wenn die Steinringe im alltäglichen Wirtschaftskreislauf der Insel kaum noch eine Rolle spielen, genießen sie noch immer ein hohes kulturelles Ansehen. Das zeigt sich auch im Respekt, den man den Steinen – die übrigens immer Aufrecht stehen müssen – entgegen bringt: so ist etwa das Sitzen oder Anlehnen an einen Rai ebenso untersagt wie andere Arten der Zweckentfremdung.

Auch ein Tourist, der sich einer solchen Entehrung des Steins schuldig macht, wird zu einer Geldstrafe verdonnert. Diese akzeptiert die Staatskasse dann allerdings nicht in Form von Steinplatten, sondern praktischer US-Dollar…

Titelbild by Marek Okon on Unsplash

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